Tandemchronik 1992 - 2002

Tandemgruppe des Blinden- und Sehbehindertenvereins Duisburg.
Text: Bernd Englisch, Pilot,
Redaktion Gaby Müller, Copilotin

10 Jahre Tandemgruppe im Blindenverein Duisburg sind schon ein Anlass, auf die gemeinsamen Aktivitäten der blinden und sehenden Radfahrer einzugehen.
Aller Anfang ist und war auch hier schwer. Gaby Müller fand, allein Tandem zu fahren, sei manchmal etwas langweilig. Sie schlug vor, eine Gruppe für radfahrinteressierte Blinde zu gründen. Neben körperlicherBetätigung sollte auch der Unterhaltungswert nicht zu kurz kommen. Bei einem ersten Stammtisch am 1.5.1992 fand die Idee einer Tandemgruppe zwar ein überwältigendes Echo, die Organisation der ersten Tour erwies sich aber als sehr hindernisreich.

Die Pilotensuche gestaltete sich anfangs recht schwierig und erforderte viel Engagement. Vor allem Mund zu Mund Propaganda führte dazu, dass heute der Pilotenstamm meist so zahlreich vertreten ist, dass kein blinder Sozius mehr zu Hause bleiben muss.

Zuerst mussten wir uns mit gebrauchten Tandems begnügen. Durch Spenden wurden Neuanschaffungen möglich. Der heutige Fuhrpark besteht aus gut ausgerüsteten Rädern mit hochwertigen Ausstattungen, die auch die längeren Touren zum Vergnügen machen.

Unvergessen bleibt die Probefahrt am 23.05.1992. Keiner hatte damit gerechnet, dass die Vorstellung von Fahrrad- und Tandemfahren nicht für jeden Teilnehmer als selbstverständlich vorausgesetzt werden konnte. Erkannt wurde auch schnell, dass Stürze und Pannen das Vergnügen an den Touren leicht beeinträchtigen können. Von Anfang an begleitet haben die Tandemgruppe auch die Probleme mit der Unterbringung und dem Transport der Tandems. Im Oktober 1992 stellte uns ein Pilotenpaar erfreulicherweise zunächst kostenlos eine Garage zur Verfügung. Seit 1995 ist das Tandemlager in einer Mietgarage an der Wiesenstraße in Marxloh heimisch. Nachdem erst ein Leihhänger benutzt werden musste, konnten wir schon im Sommer 1993 auf einen eigenen Hänger zurückgreifen, der uns aus Mitteln des Rheinischen Blindenfürsorgevereins, vermittelt durch Herrn Ernst Mueller, gespendet worden ist.

Im Laufe der 10 Jahre haben die Touren so viele Erlebnishöhepunkte vermittelt, dass nur einige hier herausgehoben werden können.

Vor den Touren stand meist der Putz- und Flicktag. Hierwaren die Teilnehmer manchmal gar nicht so leicht ansprechbar. Herbert aber war einmal so eifrig, dass ein Rad gleich zweimal geputzt wurde. Als Peter und Hans eine Montagepause machten, vergaßen sie, dass Martin noch unter dem Hänger geduldig die Konterung gegenhielt und sich erst gegen Ende der Pause meldete.
Natürlich hat das Wetter für manche Kapriolen gesorgt. Regen, Sturm und Kälte haben zwar manche Tour von Anfang an verhindert. Einmal unterwegs widersetzten wir uns aber allen Widerwärtigkeiten, auch wenn wi manchmal pleddernaß wurden oder uns die Tupperdosen um die Ohren flogen. Bei der Floßtour auf der Xantener Nordsee wurde der Wind so stark, das Motorbootschlepphilfe angefordert musste, damit wir nicht am falschen Ufer strandeten.

Die Besuche beim Rassegeflügelzuchtverein, beim Tauben- und Kaninchenzuchtverein und bei der Blindenführhundschule vermittelten intensive Kontakte mit Züchtern und Tieren und waren dadurch besondere Erlebnisse, die auch manche neuen Kenntnisse vermittelten. Der Spruch: Nun fahren die Blinden zu den Tauben steht für diese Touren sinnbildlich bis heute.

Auf der Burg Linn wurden alte Zeiten wieder lebendig. Mechanische Musikinstrumente des 18. Jahrhunderts und mittelalterliche Rüstungen und Waffen konnten bestaunt werden. Die Verarbeitung von Flachs zu Stoff in vielen Arbeitsgängen hat die Ehrfurcht vor einem schlichten Geschirrtrockentuch entstehen lassen.

Die Schlufftour brauchte einen langen Anlauf, weil einfach das Wetter nicht mitspielen wollte. Als es endlich klappte, freuten wir uns an der manuell bedienten Dampflokfahrt, aber am Ende waren wir doch dreckig wie die Schweine, nass wie die Pudel aber lustig wie die Vögel.

Picknicks haben wir selbst veranstaltet, aber auch an organisierten Treffen teilgenommen. Zum Waldfrühstück sind wir allerdings erst erschienen, als alles schon wieder abgebaut war, so dass einigen der Magen ganz schön durchhing. Hier am Waldsee haben wir nicht nur gefrühstückt, sondern auch gegrillt und gefeiert. Auch einige Touren hatten ihren Start- oder Zielpunkt hier. Für die gastliche Aufnahme danken wir dem Vorstand der Blinden- und Sehbehinderten Wassersportgemeinschaft Moers e.V.

Touren, die von anderen veranstaltet worden sind, lernten wir mit Vorsicht zu genießen. Bei der weißen Speiche in Köln starteten wir zwar mit drei unserer stärksten Teams, wurden aber schon mit den Sparta-Tandems als Sofas belächelt. Das Mithalten fiel schwer, genauso wie ab und zu beim ADFC. Inzwischen gibt es auch bei uns Tandems mit 21-Gang-Kettenschaltung und sportlich ausgelegten Rahmen.

Ein ganz besonderer Höhepunkt der Tourziele waren die Motorflugzeugrundflüge vom Sportflughafen Wesel aus. Nachdem jede Sozia/Jeder Sozius am Steuerknüppel gesessen hatte, haben wir die Bedeutung des Wortes Blindflug erst richtig erkannt.

Das Erlebnis von Kraft und Geschwindigkeit vermittelte auch das Sulkyfahren auf der Ranch Domina in Oberhausen-Holten. Die Pferde waren viel schwerer auf Kurs zu halten als die Flugzeuge.

Missgeschicke sollen nicht unerwähnt bleiben. Gefährlich wurde es, als auf der A3 von Bocholt kommend sich ein Tandem vom Autodach löste und auf die Autobahn fiel. Gott sei Dank blieb es hier, wie auch sonst, stets bei Sachschäden. Da kann man fast vergessen, dass Horst und Elvira in einem Graben landeten. Auch der einzige Fremdkontakt, als ein Autofahrer die Vorfahrt von Bernd und Rainer missachtete, ging glimpflich aus. Selbstgemachte Flops und Missverständnisse wie damals, als Hassan Stoff statt Stopp verstand, gab es bei vielen Teams. Manche Kurve wurde zu eng genommen und ich habe Rainer nach einer Pause in Angermund schlicht einmal vergessen. Erst mit zunehmenden Erfahrungen lernten wir, Pannen zu vermeiden oder durch schnelles Reparieren auszugleichen.

Manches Liedchen wurde unterwegs gesungen oder gepfiffen. Viele Witzchen und Sprüche machten die Runde, und wenn mal gar nichts mehreinfiel hieß es: Heute lenken mal die Blinden.

Erwähnenswert ist schließlich auch, dass die Aktivitäten Eingang in mehrere Zeitungsberichte gefunden haben. Andere haben aber auch oft am Rande der Touren wahrgenommen, dass auf dem Soziussitz nicht nur die Beine hochgelegt werden können, sondern dass es sich um eine notwendige Rollenverteilung von Piloten und Mitfahrern handelte.

Die erzielten Fahrleistungen sind nach Erscheinen des jährlich von Peter Müller liebevoll gestalteten Jahresheftes immer Gegenstand von stolzen Kommentaren und spöttischen Anmerkungen gewesen. Wer hat denn die meisten km, war die oft gestellte Frage. Gaby und Peter haben nur eine einzige Tour ausgelassen. Herbert wäre mit seiner Gesamtfahrleistung von 2583 km - angeboten waren ungefähr 3212 - immerhin bis weiter hinter Rom in Italien gekommen, Rainer noch bis Mailand, während ich es wohl höchstens bis zum Brenner geschafft hätte. Respekt gebührt auch der sportlichen Leistung der Piloten, die sogar zum Treffpunkt angeradelt kommen und anschließend auch den Heimweg noch als Pedalritter bestreiten.

Dass die Tandemgruppe sich als so standfest erwiesen hat, konnte am Anfang nicht unbedingt erwartet werden. Gleiches Interesse von Blinden und Piloten hat allerdings den Bestand jederzeit gesichert. Unabdingbar für den Erfolg war auch die Unterstützung durch den Vorsitzenden des Blinden-und Sehbehindertenvereins Duisburg , Horst Schilbach. Alle Bemühungen wären aber nichts, hätten nicht Gaby und Peter Müller immer wieder die Energie aufgewandt, Höhen und Tiefen auszugleichen.